Zu Fuß auf den Hügel, mit der Seilbahn auf den Berg: warum KI in den Unterricht gehört

Eine Studie zeigt: Wer mit freiem ChatGPT übt, schneidet ohne Hilfe schlechter ab. Der falsche Schluss wäre, KI aus dem Unterricht zu verbannen. Der richtige: Grundlagen zu Fuß, dann mit der Seilbahn weiter. Und am Ende muss jeder ein KI-Ergebnis fachlich prüfen können.

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Flache Landschaft unter hellblauem Himmel: links ein grüner Hügel mit Fußweg und Wanderer, von der Kuppe führt eine orange Seilbahn auf einen hohen, schneebedeckten Berg.

Eine Studie macht gerade die Runde, und sie liefert ein starkes Argument gegen KI im Unterricht. Wer beim Üben einen frei nutzbaren Chatbot hatte, schnitt in der Prüfung ohne Hilfsmittel schlechter ab als jemand, der nie einen hatte. Ich unterrichte angehende Bautechnische Konstrukteure, und ich ziehe aus derselben Studie den umgekehrten Schluss: KI gehört in die Ausbildung, weil unsere Absolventen sonst etwas nicht kennen, das sie ab dem ersten Arbeitstag brauchen. Es kommt nur darauf an, wie.

Der Anlass

Am 15. Oktober 2026 hat das Redaktionsteam von Sourcefly.ai auf LinkedIn den Beitrag Lernen mit KI-Hilfe: Warum eigenständige Kontrollpunkte … veröffentlicht. Sourcefly ist ein Anbieter für Personalgewinnung, der Beitrag stellt eine eigene Arbeitshilfe für die Einarbeitung neuer Fachkräfte vor und sagt offen, dass sie keine geprüfte Methode ist.

Seine These: Leistung mit Hilfe und Können ohne Hilfe sind zwei verschiedene Messungen. Wer mit KI übt, braucht deshalb einen Kontrollpunkt, an dem er eine neue Aufgabe ohne KI löst, nach vorher festgelegten Kriterien und mit einigen Tagen Abstand zur Übung. Der Kontrollpunkt ist dabei nicht nur Prüfung, sondern selbst Teil des Lernens.

Was daran stimmt

Die Zahlen stammen aus einem Feldexperiment, und sie halten der Nachprüfung stand. Hamsa Bastani und Kollegen haben knapp tausend Schüler im Mathematikunterricht weiterführender Schulen in der Türkei untersucht (PNAS, Juli 2025). Eine Gruppe übte mit einer frei nutzbaren Chatoberfläche auf Basis von GPT-4, eine zweite mit einem Tutor, der Hinweise statt fertiger Lösungen gab, eine dritte ohne KI.

beim Üben in der Prüfung ohne Hilfe
freier Chat +48 % −17 % gegenüber der Gruppe ohne KI
Tutor mit Leitplanken +127 % Nachteil weitgehend vermieden

Die Autoren nennen den freien Chat eine Krücke: Wer sich beim Üben darauf stützt, hat in der Prüfung weniger eigenes Können. Dazu kommt ein Befund, den jeder Lehrer kennt: Die Schüler mit KI überschätzten ihr eigenes Können. Eine fertige Antwort fühlt sich an wie Verstehen.

Und der zweite Gedanke des Beitrags ist alt und gut belegt. Wer Gelerntes selbst abruft, behält es nach zwei Tagen und nach einer Woche besser als jemand, der es nur noch einmal liest; nach fünf Minuten ist es umgekehrt (Roediger und Karpicke, 2006). Der Kontrollpunkt ohne Hilfe ist also keine Schikane, sondern Übung. So weit stimme ich dem Beitrag zu.

Wo ich widerspreche

Der naheliegende Schluss aus der Studie wäre: KI raus aus dem Klassenzimmer. Der Schluss ist falsch, und die Studie selbst sagt warum. Der Schaden entstand in der Gruppe mit dem freien Chat, nicht in der mit dem Tutor. Die Tutorgruppe hat beim Üben am meisten gewonnen und in der Prüfung kaum etwas verloren. Nicht die KI hat geschadet, sondern KI ohne Anleitung.

Und genau das bekommen unsere Auszubildenden, wenn die Schule KI ausklammert. Im Büro arbeiten sie ab dem ersten Tag mit Programmen, die Pläne ableiten, Mengen auswerten und Texte schreiben, und immer öfter mit Sprachmodellen. Wer das in der Ausbildung nicht kennengelernt hat, lernt es dort trotzdem, nur ohne Lehrer, ohne Leitplanken und ohne jemanden, der fragt, ob das Ergebnis stimmt. Das ist der freie Chat aus der Studie, nur mit einem Bauantrag statt einer Mathematikaufgabe.

Mein Bild dafür ist eine Bergtour.

Zu Fuß gehen wir auf einen Hügel, aber auf den ganzen Hügel, mit allem, was dazugehört: Karte lesen, Weg wählen, Tempo einteilen, umkehren, wenn das Wetter umschlägt. Danach wissen wir, wie Bergsteigen funktioniert. Dann nehmen wir die Seilbahn auf einen richtigen Berg, und wir kommen am Ende weiter, als wenn wir alles zu Fuß gegangen wären. Weil wir den Hügel kennen, wissen wir auch oben, ob wir am richtigen Gipfel stehen und ob der Weg hinunter trägt.

Übersetzt in die Ausbildung heißt das: Grundsätzlich wird erst einmal alles theoretisch und von Hand erarbeitet, aber nicht mehr alles. Eine Treppe rechnen Lernende selbst, zwischen den Fertigfußböden, mit Fußpunkt und Austritt. Den Lastweg vom First bis zur Sohle verfolgen sie selbst. Die Zeichenregeln lernen sie so, dass sie einen Fehler sehen. Das ist der Hügel. Den zwanzigsten Grundriss von Hand zu bemaßen, gehört nicht mehr dazu.

Wie weit die Seilbahn trägt, habe ich in Von der Hand ins Auge beschrieben: Ein Sprachmodell hat an einem Tag den vollständigen Eingabeplan für ein Einfamilienhaus gezeichnet, mit Ansichten, Schnitten, Lageplan und Abstandsflächen. Das ist ein Berg, auf den eine Klasse zu Fuß nicht in einem Schuljahr käme. Aber 36 Einwände habe ich in die Fassungen geschrieben, bevor der Plan stimmte, darunter eine Firstpfette, die in der Luft hing, und eine Treppe, die in den Rohbau passte, aber nicht in das Haus. Gefunden hat beides, wer Lastweg und Treppe einmal selbst durchgerechnet hat.

Damit ergänze ich den Beitrag an einer Stelle, die mir die wichtigste ist. Sourcefly fordert einen Kontrollpunkt ohne KI. Für unseren Beruf braucht es zusätzlich einen Kontrollpunkt mit einem KI-Ergebnis: Die Lernenden bekommen einen maschinell erzeugten Plan und müssen ihn prüfen, ohne KI-Hilfe beim Urteil. Richtig eingesetzt vertieft die KI dabei das Wissen, denn wer einen fremden Fehler finden und begründen will, muss die Regel genauer kennen als jemand, der sie nur anwendet.

Was daraus folgt

Für den Unterricht vier Handgriffe, die ich aus der Studie und aus meiner eigenen Praxis ableite:

  1. Den Hügel festlegen. Was müssen Lernende einmal vollständig von Hand gemacht haben, um später ein Ergebnis beurteilen zu können? Das ist der Teil, der bleibt.
  2. KI als Tutor, nicht als Lösungsautomat. Beim Üben darf die KI erklären, nachfragen und auf Fehler hinweisen. Die Lösung liefert sie nicht. Das war in der Studie der ganze Unterschied.
  3. Prüfen als eigene Aufgabe. Ein maschinell gezeichneter Plan mit Fehlern, und die Lernenden schreiben ihre Befunde auf, jeden mit Begründung.
  4. Kontrollpunkt mit Abstand. Einige Tage nach der Übung, an einem neuen Fall, ohne KI beim Urteilen. Wer das Ergebnis nur mit Hilfe versteht, merkt es dort, und nicht erst im Büro.

Für die Prüfung steht der Kontrollpunkt längst in der Verordnung. Im praktischen Prüfungsbereich fallen 35 Prozent der Abschlussnote in einem Fachgespräch von höchstens zwanzig Minuten, in dem der Prüfling seine Vorgehensweise begründet (Die Hälfte der Abschlussnote). Dort hilft keine KI. Dort zählt nur, ob er weiß, warum sein Plan so aussieht und nicht anders.

Die Grenzen meiner Folgerung: Die Studie untersucht Mathematik an türkischen Schulen, nicht die Berufsschule. Meine eigenen Beobachtungen stammen aus einem Unterricht und einem Plansatz, gemessen ist nichts davon an Lernenden. Was ich hier vertrete, ist eine begründete Haltung, kein Forschungsergebnis.

Der Satz zum Mitnehmen

Am Ende der Ausbildung muss jeder ein KI-Ergebnis fachlich fundiert bewerten und prüfen können. Das lernt man nicht, indem man die KI vom Unterricht fernhält, und auch nicht, indem man sie alles machen lässt. Man lernt es, indem man den Hügel zu Fuß geht und dann mit der Seilbahn auf den Berg fährt, und oben weiß, wo man steht.